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Stellungnahme zur Methode "Lesen durch Schreiben"


06.12.2013

... darf sich ein Urteil erlauben.

Hamburg, 06.09.2013

 

Stellungnahme der Max-Brauer-Schule, der Grundschule Rellinger Straße und der Reformschule Winterhude zur Diskussion um schwache Rechtschreibleistungen im Zusammenhang mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ (Reichen)

Seit einiger Zeit wird wieder deutschlandweit (z.B. im Spiegel, Spiegel-online) und besonders in Hamburg (Abendblatt, Welt, Hamburg Journal, RTL) eine Diskussion über das Erlernen der Rechtschreibung über die Medien geführt. Dabei wird von verschiedenen Seiten die Methode „Lesen durch Schreiben“ kritisiert.

Führt die Methode Lesen durch Schreiben“ zu schlechten Rechtschreibleistungen unserer Kinder?

Wir verwenden diese Methode seit über 25 Jahren einheitlich an unserer Primarstufe, als das, was Sie eigentlich ist: Eine überaus erfolgreiche Methode zum Lesen-Lernen. Angesichts der öffentlichen Diskussion um diese Methode, möchten wir uns auf diesem Wege an Sie wenden, um zur Aufklärung des Sachverhaltes beizutragen.

Die Diskussion um „Lesen durch Schreiben“ ist nicht völlig neu, sie flammt in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder auf. Die Argumente sind ebenfalls nicht neu:

  1. „Lesen durch Schreiben“ wird als Methode zum Erlernen der Rechtschreibung dargestellt, bei der die Kinder so schreiben dürfen, wie sie wollen, ohne dass (zunächst) auf die orthografisch korrekte Schreibweise geachtet wird (Der Spiegel , Nr. 25, vom 19.6.2013).
  2. Dadurch verfestigten sich Falschschreibungen, die das Rechtschreibkönnen der Kinder sehr negativ beeinflussen (Hamburger Abendblatt vom 13.8.2013 und Der Spiegel, Nr. 25, vom 19.6.2013).
  3. Deshalb ist diese Methode ursächlich verantwortlich für die deutschlandweit schlechten Rechtschreibleistungen (Der Spiegel, Nr. 25, vom 19.6.2013).
  4. „Lesen durch Schreiben“ führt bei den Kindern zu einer Haltung „Richtig Schreiben ist unwichtig“ (Der Spiegel, Nr. 25, vom 19.6.2013).
  5. „Lesen durch Schreiben“ ist eine Methode, die Kinder aus sozial schwachen Familien benachteiligt (P. May in der Welt am Sonntag vom 18.8.2013).
  6. „Lesen durch Schreiben“ erfordert ein Lehrerverhalten, das die Kinder mit ihren Problemen allein lässt (Der Spiegel, Nr. 25, vom 19.6. 2013, sinngemäß auch P. May in der Welt am Sonntag Nr. 25, vom 19.6. 2013).

 

Hierzu möchten wir Folgendes klarstellen:

1.  Eine Orientierung an den Rahmenplänen ist für uns selbstverständlich.

Die Schulen, bei denen „Lesen durch Schreiben“ zur Anwendung kommt, wie die Max- Brauer Schule, die Grundschule Rellinger Straße und die Reformschule Winterhude, orientieren sich bei der Unterrichtsgestaltung und den fachlichen Inhalten selbstverständlich und nachweislich an den Inhalten und Zielen der aktuellen Rahmenpläne und somit an den bundesweit geltenden Bildungsstandards.

 

2.  „Lesen durch Schreiben“ ist eine Methode zur Entwicklung von Lesefähigkeit.

Bei „Lesen durch Schreiben“ handelt es sich aus unserer Sicht ausdrücklich nicht um eine Methode zum Erlernen der Rechtschreibung. Wie der Name „LESEN durch Schreiben“ schon sagt, geht es hier um das Entwickeln der Lesekompetenz. Alle an unserer Schule durchgeführten, standardisierten Vergleichsstudien (LEA, Kermit u.ä.) zeigen, dass diese Methode erfolgreich die Lesekompetenz unserer Schülerinnen und Schüler entwickelt – und zwar über alle Sozialschichten hinweg. Deshalb nutzen wir diese Lehrmethode für das Ziel, für das sie konzipiert wurde: Zum Entwickeln einer guten Lesefähigkeit.

 

3.  Die Entwicklung von Lesefähigkeit ist die Basis der Rechtschreibung.

Bei der Methode Lesen durch Schreiben ist zunächst die orthografisch korrekte Schreibweise eines Wortes tatsächlich nachrangig. Es geht zunächst um das möglichst rasche Entwickeln der Lesefähigkeit. Denn nur wer viel schreibt, kann sich die Schreibweise eines Buchstabens zügig einprägen und den umgekehrten Weg – einem Buchstaben einen Laut zuordnen – zügig erlernen und so auch schneller das Lesen lernen. Und zwar jedes Wort und nicht nur die Auswahl, die der Fibeltext vorgibt. Erst wer lesen kann, ist überhaupt in der Lage, sich die korrekte Schreibweise von Wörtern durch ständige Wiederholungen so einzuprägen, dass sich das Schriftbild eines Wortes verfestigt. Sobald ein Kind also einen Satz in einer angemessenen Zeit d.h. relativ flüssig vorlesen kann, setzt für uns die Rechtschreibung ein. Jetzt geht es – auch schon im 1. Schuljahr – darum, erste Rechtschreibkorrekturen vorzunehmen und erste Rechtschreibstrategien anzubahnen (Z.B. Am Satzanfang schreibst du groß! Namenwörter werden groß geschrieben! Wenn du nicht weißt, wie ein Wort endet: Setze VIELE davor! Hand/t ?....viele Hände!). Wie weit diese Korrekturen dann gehen, hängt vom Lerntempo der einzelnen Kinder ab.

 

4.  Ein soziales und individuelles Vorgehen wird ermöglicht.

Ein Vorgehen, das in dieser Form freies Schreiben und passende Rechtschreibübungen kombiniert, ist unserer Meinung nach sehr sozial. Eltern sind unabhängig von sozialen Schichten aufgefordert, solange ein Kind nicht liest, sich beim Korrigieren von Falschschreibungen zurück zu halten, um die Schreiblust der Kinder nicht zu hemmen. Zudem trainiert diese Methode vom ersten Schultag an das langsame, deutliche und korrekte Aussprechen von deutschen Wörtern und ist so für alle Schülerinnen und Schüler ein sinnvoller Baustein zum Erlernen der deutschen Sprache mit einer korrekten Aussprache. Diese wird unterstützt durch die Begleitmaterialien und Lernangebote wie dem Computerprogramm „Erstes Verschriften“, bei dem vom ersten Schultag an ein Grundwortschatz aufgebaut und die richtige Schreibweise der Wörter gefordert wird. Darüber hinaus bremsen und langweilen wir nicht die leistungsstarken Kinder und überfordern und frustrieren gleichzeitig langsamere Kinder nicht, indem wir gleichschrittig und mit allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig von ihrem Leistungsvermögen, Buchstabe für Buchstabe oder Fibelseite für Fibelseite voranschreiten. Die Lehrkräfte haben durch diesen individualisierten Unterricht die Möglichkeit, jedem Kind die Hilfe zukommen zu lassen, die es benötigt und gleichzeitig schnelle Lernfortschritte bei leistungsstarken Kindern zu fordern und zu fördern. Diese können entsprechend ihrem Niveau voran schreiten und ihre Lese- und (Recht-) Schreibfähigkeiten kontinuierlich weiterentwickeln. Es ist also gerade nicht so, dass Kinder mit ihren (Schreib-) Problemen allein gelassen würden. Schwächere Schülerinnen und Schüler können durch ihre MitschülerInnen und Mitschüler und die Lehrkräfte umfassender unterstützt werden. Davon profitieren leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler ebenso. Sie vermitteln ihre eigenen Kenntnisse weiter und sind dabei gezwungen, diese vollständig zu durchdringen, um eigene Erkenntnisse sprachlich formulieren zu können.

 

5.  Rechtschreibunterricht erfolgt gezielt mit fachdidaktischen Methoden.

Unser Rechtschreibunterricht basiert auf einem Methodenmix gängiger Fachdidaktiker, überwiegend von Beate Leßmann. Er setzt bei jeder Schülerin/ jedem Schüler unmittelbar nach dem Erwerb der Lesefähigkeit ein und beinhaltet u.a. das Trainieren verschiedener Rechtschreibstrategien und Regeln sowie das Erlernen von Merkwörtern. Dies umfasst die Entwicklung und Förderung von alphabetischen, morphologischen und orthografischen Strategien.

 

6.  Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen langfristig keine negativen Resultate.

Es gibt bisher keine wissenschaftlich fundierten Untersuchungen, die belegen würden, dass „Lesen durch Schreiben“ die Rechtschreibleistungen der Kinder dauerhaft negativ beeinflussen würde. Wir konnten das in über 25 Jahren Praxiserfahrung mit dieser Methode ebenfalls nicht feststellen. Weder die in der öffentlichen Diskussion zitierte „Marburger Studie“ (Deimel/Schulte-Körne 2006) noch die von Peter May (Hamburger Schreibprobe) durchgeführten Erhebungen im Rahmen des Projekts „Lesen und Schreiben für alle (PLUS)“  (May 2001), lassen diesen Schluss zu bzw. kommen zu diesem Ergebnis. Lediglich in den ersten beiden Schuljahren fallen die Rechtschreibleistungen hinter dem Ergebnis anderer Methoden zurück. Das kann unseres Erachtens jedoch durchaus auch daran liegen, dass die Fibel-Lerner in den ersten beiden Jahren nur mit einem sehr begrenzten Wortschatz arbeiten, der zudem teilweise noch die Wörter mit umfasst, die in den maßgeblichen Rechtschreibtests der ersten beiden Schuljahre ebenfalls enthalten sind und so bereits trainiert werden konnten. Ab dem 3. Schuljahr gleichen sich die Ergebnisse jedoch an und es gibt am Ende der 4. Klasse keine signifikanten Unterschiede zwischen unterschiedlichen Methoden (vgl. Deimel/Schulte-Körne 2006). Beide Studien kommen zu der Schlussfolgerung, dass Prozessmerkmale des Unterrichts (z.B. Steuerung durch die Lehrkraft, Intensität der Rückmeldungen für die Kinder) bedeutsamer sind für den längerfristigen Lernerfolg als Strukturmerkmale, wie z.B. die Wahl einer bestimmten Unterrichtsmethode (vgl. May 2001). Zudem sind natürlich die Voraussetzungen auf SchülerInnenseite (Deutschkenntnisse, Lernschwächen, soziales bzw. leseförderndes Umfeld) und damit die Zusammensetzung einer Klasse ebenso Faktoren, die das Ergebnis der Rechtschreibleistungen in einer Klasse beeinflussen.

 

7.  Es gibt viele Vermutungen in der Diskussion – aber wenig Belege.

Es gibt bisher keine gesicherten Erkenntnisse, wie verbreitet die Methode „Lesen durch Schreiben“ oder verwandte Methoden in Hamburg oder in Deutschland sind. Die Schlussfolgerung, dass diese Methode hauptsächlich für das allgemeine Nachlassen der Rechtschreibleistung verantwortlich sei, ist bisher eine reine Vermutung. Der deutsche Grundschulverband weist in einer Veröffentlichung vom 24.6.2013 darauf hin, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ durchaus zur Verbesserung der Lesekompetenz beiträgt und dass es sich widersprechende Studien zur allgemeinen Entwicklung der Rechtschreibung in Deutschland gibt. Auch hier gilt: Eine dramatische Verschlechterung in den letzten Jahren lässt sich nicht belegen, wohl aber eine Stagnation auf niedrigem Niveau.

 

8.  Rechtschreibunterricht muss gut ausgestattet sein.

Natürlich ist uns an einer weiteren Verbesserung der Rechtschreibleistungen unserer Schülerinnen und Schüler gelegen. Wir werden also weiterhin unsere Kräfte auf die Steigerung der Rechtschreibleistungen fokussieren, denn auch wir sind nicht immer zufrieden mit den Rechtschreibfähigkeiten unserer Schülerinnen und Schüler! Dabei hoffen wir aber auch auf eine finanzielle und personelle Unterstützung von Seiten der Bildungsbehörden. Diese Mittel sind in den letzten Jahren nicht üppiger geworden, die Zahl der doppelt besetzten Unterrichtsstunden ist rückläufig. Wenn man bedenkt, was der Deutschunterricht – für den 1 Stunde am Tag vorgesehen ist – beinhaltet (verstehendes Lesen, betontes Lesen, lautes Lesen, Grammatik, Rechtschreibung, Schreiben unterschiedlichster Textsorten, freie Texte, Gedichte, Gespräche usw.), kommt man auf nur etwa 1 Stunde reinen Deutsch-Rechtschreibunterricht pro Woche. In einer Zeit, in der Lesen und besonders rechtschreibrichtiges Schreiben außerhalb von Schule für die Schülerinnen und Schüler, aber auch bei Erwachsenen kaum noch eine Rolle in ihrer Freizeit spielen, ist das wahrlich nicht viel.

 

9.  Rechtschreiblernen ist ein Prozess – auch über die Grundschule hinaus!

Der Prozess des Rechtschreib-Lernens ist mit dem Ende der Grundschulzeit natürlich nicht abgeschlossen! Er beginnt in der Grundschule und wird in den nachfolgenden Schulstufen weitergeführt. Wir knüpfen deshalb an unseren Schulen beim Rechtschreiblernen in der Sekundarstufe I an die Grundschularbeit an.

 

Hamburg, im September 2013

Max-Brauer-Schule; Grundschule Rellinger Straße; Reformschule Winterhude

 

Quellen:

  • May, P. (2001): Prozessbegleitende Evaluation: Lesen und Schreiben in der Grundschule. Online unter: http://www.peter-may.de/Dokumente/May_doc/May01f.pdf [03.09.2013]
  • Schulte-Körne, G./ Deimel, W. (2006): Modell Schriftsprach-Moderatoren (MSM). Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung nach vier Jahren. Marburg. Online unter: http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/MSM_Abschlussbericht.pdf [03.09.2013]

 

Vergleiche auch:

  • Grundschulverband: Rechtschreiblernen – aktiv, individuell, integrativ. Eine Klarstellung des Grundschulverbandes. Frankfurt, 24.06.2013
  • Leßmann, B: Individuelle Lernwege im Schreiben und Rechtschreiben. Schreiben lernen mit einer Anlauttabelle - Ursache für schlechte Rechtschreibleistungen? 27. August 2013: Online unter: http://www.beate-lessmann.de/260-schreiben-lernen-mit-einer-anlauttabelle-ursache-fuer-schlechte-rechtschreibleistungen.html [03.09.2013]

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