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Hamburg-Schreibwettbewerb KLASSEnSÄTZE


20.05.2016

Und wieder nahm die Relli mit der gesamten Unterstufe am Hamburger Schreibwettbewerb KLASSEnSÄTZE teil...

 

 

2015

Zur Erinnerung: Im letzten Jahr hat die Relli an dem Pilotprojekt Schreibwettbewerb „KLASSEnSÄTZE“ auf Hamburg-Ebene teilgenommen. Hierbei konnten wir einen wirklich wunderbaren Erfolg erzielen. Nis Pflüger (Jg. 5) und Carla Fritz (Jg. 4) gewannen mit ihren Texten zum Thema „Ich in meiner Zeit“ für ihre Jahrgänge die Hauptpreise für unsere Schule.

2016

Der diesjährige Schreibwettbewerb stand unter dem Motto „Unterwegs“. Ganz besonders gefreut hat uns die engagierte Teilnahme aller Unterstufenkinder. Zu Beginn haben viele Lerngruppen z. B. eine ABC-Wörtersammlung angelegt und aus den zusammengekommenen Begriffen zum Thema „Unterwegs“ eigene Ideen für unterschiedlichste Texte verwendet. Nach einer längeren Schreib- und Überarbeitungsphase wurden die fertigen Texte in einem lerngruppeninternen Juryverfahren bewertet. Jeweils einen Text aus Jg. 4 und einer aus Jg. 5 durfte prämiert werden. Die zweitplatzierten Kinder jeder Lerngruppe waren erneut in der tollen Ausgangslage, als Schuljury mit zwei LehrerInnen zusammen alle Texte lesen und abschließend bewerten zu können.

Vielen Dank nochmal an die tollen Jurykinder!

Am Präsentationstag am 3.3. März war es dann so weit und die Jurymitglieder konnten in der Cafeteria die Relli-SchulsiegerInnen verkünden. Mathilda Pott (Jg. 6 Papageien) hat mit ihrer Unterwegs-Geschichte aus der Perspektive eines Kindes auf der Flucht gewonnen. Besonders ergreifend war das Vorlesen ihres Textes in der mucksmäuschenstillen Cafeteria. Für den Jg. 4 konnte sich Maja Corinth (Wiesel) mit einem amüsanten Gedicht über einen neugierigen Luftballon durchsetzen. Herzlichen Glückwunsch!

Zur Preisverleihung in der katholischen Akademie am 2.5. wurden dann neben den Schulsieger-Kindern auch die LehrerInnen, Eltern und Geschwister geladen. Alle Kinder bekamen noch eine Urkunde und ein kleines Präsent überreicht. Ties Rabe persönlich durfte dieses als Schirmherr des Wettbewerbs tun. Leider hat in diesem Jahr kein Relli-Kind den Hamburg-Hauptpreis gewonnen. Aber: Dabei sein ist alles!  Und ihr habt wirklich tolle Texte geschrieben.

Literatur ist nicht unbedingt etwas ist, was trockene Graubrote für andere trockene Graubrote schreiben, sondern ein großes Tor, das, wenn man es durchschreitet, einem die ganze Welt zur Begehung und Betrachtung bereithält, auf das man alle Eindrücke aufsauge, einatme, ausschlürfe und nach der letzten gelesenen oder geschriebenen Seite jedes Buches als ein mit mehr Verständnis angereicherter Mensch den Kopf hebt. (Dorian Steinhoff bei der KLASSEnSÄTZE-Preisverleihung am 2.5.2016)

Weitere Informationen findet man im Internet auf der Website: http://www.klassensaetze-hamburg.de

 

Ulla von Lühmann (Koordination für die Schule Rellinger Straße)

 

 

Die Siegertexte der Relli-SchülerInnen:

 

Der Luftballon

Es war einmal ein Luftballon der wollte einfach mal davon. Da flog er flink zur Tür heraus, aus seinem alten Haus hinaus, in den blauen Himmel aus. Stieß durch eine Wolkendecke, über Häuser, Gartenhecke, einen Fluss und sieben Felder, manchmal sogar über Wälder. Über Seen und grüne Wiesen, Berge voll mit Elfen, Riesen. Über Täler, Dörfer gehen viel gibt es von dort zu sehen. Flog bis Südamerika, Sand nur und Kakteen. Dieses Schauspiel hatte er, Doch noch nie gesehen. Also flog er tiefer, doch oho, was sah er da ? Die Kakteenstacheln waren ihm plötzlich so nah. Peng!

 

Die Flucht

Als es los ging schlief ich tief und fest. Ich träumte von einem Leben ohne Krieg. Erst gestern wurde unsere Schule von einer Bombe getroffen. Es war furchtbar. Meine Mutter saß jeden Abend in der Küche und weinte. Mein Vater kam ins Zimmer gerannt, in dem ich und mein älterer Bruder schliefen. Er weckte uns und sagte, wir sollten unsere liebsten Sachen in einen kleinen Rucksack packen und in die Küchen kommen. Ich verstand nicht wieso, aber ich tat es ohne zu fragen. Als wir in die Küchen kamen, waren auch meine beiden jüngeren Brüder wach. Mama weinte schon wieder und mein Vater begann zu sprechen: „Ihr wisst, dass es unserem Land zur Zeit nicht so gut geht. Vor zwei Stunden wurde unsere Straße von Bomben angegriffen.“ Meine Mutter schluchzte noch mehr. „Und?“, fragte ich vorsichtig, ich hatte Angst vor der Antwort. „Wir müssen wohl erst mal weg von hier. Nach Europa, in Richtung Deutschland.“ Sogar meinem großen Bruder kamen die Tränen. Meine kleinen Brüder fingen an zu weinen. Nur ich war wie blockiert. Meine Augen waren trocken. Ich weiß nicht genau was dann passierte. Ich war mechanisch wie ein Roboter. Ich ging an der Hand von meiner Mutter. Sie hatte uns so dick angezogen, dass mir trotz der kühlen Nachtluft warm war.

Es knallte. Staub stieg auf. „Lauft!“, rief meine Mutter, und sie und mein Vater nahmen die beiden kleinen auf den Arm. Ich musste husten. Plötzlich sah ich nichts mehr. „Mama!“, rief ich, „Papa! Wo seid ihr?“ Blind lief ich durch den Staub. Ich konnte kaum noch richtig atmen und fiel auf die Knie. Plötzlich packte mich jemand. Ich wollte schreien, aber meine Kehle war trocken. Dieser Jemand nahm mich auf den Arm und rannte mit mir aus dem Staub raus. Irgendwann konnte ich die kühle Nachtluft einatmen und sah, wer mich getragen hatte. Es war mein großer Bruder. Er stellte mich auf dem Boden ab. Mein Vater kam zu mir und umarmte mich. Ich wollte auch meine Mutter und meine kleine Brüder umarmen und sah mich nach ihnen um. Sie waren nicht da! Ich schnappte nach Luft. Mein Vater sah wie verzweifelt ich war. Er holte tief Luft und sagte: „Wir haben sie verloren.“ Die Nachricht traf mich wie ein Schlag. Ich hielt mich an meinem Bruder fest, um nicht umzufallen. Ich sah Tränen in den Augen meines Vaters und merkte, wie er versuchte, stark zu bleiben. „Wir finden sie, oder?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. Verzweifelt versuchte ich, durch die Staubwand Jemanden zu erkennen. Panik stieg in mir auf. „Können wir nicht warten, bis der Staub sich gesenkt hat und sie dann suchen?“, fragte ich mit tränenerstickter Stimme. „Es kann jeden Moment wieder explodieren. Wir müssen weiter“, sagte mein Bruder matt. Meine Beine knickten ein. Wir konnten doch nicht ohne sie gehen. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich wollte nicht nachdenken, wo sie waren. Was, wenn sie erstickt waren? Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, trug mein Vater mich. Ich zitterte und er drückte mich liebevoll an sich. Ich weiß wie lange wir schon unterwegs waren, aber ich wusste, dass es lang war, denn der Morgen graute schon. Wir trafen zwei Männer, die uns mit einem LKW über die Grenze schmuggeln wollten. Im LKW wurden Orangen transportiert. Ich hockte mit meinem Vater hinter einem Stapel von Kisten. Ich lehnte mich an seine Schulter und versuchte, mich etwas aus zu ruhen. Doch in meinem Kopf waren nur Knalle, Schüsse und Schmerzensschreie. Ich atmete schneller und öffnete die Augen. Die Augen meines Vaters glänzten und er blickte weg, weit weg. Plötzlich hielt der LKW an. Ich duckte mich noch mehr und eine der Planen wurde hochgehoben.Ich sah nicht, wer vor der Plane stand. Ich hörte nur Stimmen. „Und sie transportieren hier nur Orangen?“ „Ja, nur Orangen.“ Schritte kamen näher und ich sah einen großen schwarzen Stiefel. Hände griffen nach der Kiste, die unsere Köpfe verdeckte. Die Person hob sie hoch und wir duckten uns noch mehr. In diesem Moment hörten wir ein lautes Gebrüll. Die Hände ließen die Kiste fallen. Eine Orange traf mich an der Schläfe. Mein Kopf kippte zurück, während die Planen zugeschlagen wurden. Irgendwann fragte ich: „Wo sind wir jetzt eigentlich?“ „Schon über die Grenze“, antwortete mein Vater, „sie müssten uns gleich raus lassen.“ Und wirklich, wenige Minuten später hielten wir an, bedankten uns bei den Männern und brachen auf. Ich musste immer wieder an meine Mutter und meine Brüder denken. Wo waren sie?

Nach mehreren Wochen kamen wir an dem Hafen an, von dem aus wir mit dem Boot fahren würden. Dort waren noch viele andere Menschen. Dann erblickte ich das Meer. Ich hatte es noch nie gesehen. Der Anblick von den großen, blau-grauen Wellen war fantastisch, aber auch beängstigen. Eine kleine Hoffnung stieg in mir auf. Vor Überwältigung und Angst fing ich an zu weinen. Es kam so plötzlich. Mir ging alles, was wir durchgemacht hatten, durch den Kopf. Der Aufbruch, die Explosion und wie wir einen Teil unserer Familie verloren hatten. Wir mussten einige Tage im Dorf verweilen, da unser Boot noch nicht da war. Jeden Tag brachen viele Menschen auf. Ich hatte gesehen, wie sie eng an eng an die Bordwand gepresst standen und in winzigen Booten aufs Meer hinaus fuhren. Die Nächte im Dorf waren schrecklich. Wir schliefen auf dem Dachboden, einer siebenköpfigen Familie. Wir hatten keine Decken oder Kissen. Wir mussten uns dicht aneinander drängen um nicht zu frieren. Am Tag der Abfahrt standen wir früh morgens am Steg. Ich hatte große Angst und klammerte mich an der Hand meines Vaters fest. Eine Stimme, die meinen Namen rief, drang an mein an mein Ohr. Ich drehte mich um und sah wer mich gerufen hatte. Es war Mama! Sie stand da mit zerstrubbelten Haaren und zerrissenen Kleidern. Meine kleinen Brüder standen neben ihr. Ich stürmte los und fiel in ihre Arme. Als wir uns fest aneinander drückten, fiel ein Teil meiner Angst ab. Als ich auf das Boot trat schaukelte es sacht. Ich ging bis nach vorne an den Bug, während alle anderen Leute auch an Bord kamen. Meine ganze Familie stand eng neben mir. Als die Leinen los gemacht wurden, legte meine Mutter ihren Arm um mich. Ich schaute aufs Meer hinaus. Ich war auf der Flucht. Auf einer Flucht die noch lange nicht vorbei war.

Epilog

Es ist Nacht, es ist kalt, es ist dunkel. Wir kauern uns auf dem Boden eines überfüllten Zuges. Wir hatten die Bootsfahrt überstanden. Es war furchtbar. Viele Menschen fielen über Bord. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Hamburg. Wir wissen nicht wie es weiter geht, aber die Hoffnung ist noch nicht gestorben. ENDE

Von Mathilda P.

 

 

Fotos:

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