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Lesen durch Schreiben

Der Begründer von "Lesen durch Schreiben", Dr. Jürgen Reichen, war einige Jahre Lehrer an unserer Schule. Hier hat er sein "LernBilderBuch" "Lara und ihre Freunde" entwickelt und erprobt. Er hat daneben vielfältiges und anregendes Begleitmaterial erstellt, das den Leselernprozess unterstützt und die Kinder zum Denken anregt. Die Schule Rellinger Straße setzt dieses Lernangebot in allen Lerngruppen der Grundstufe erfolgreich ein.

Dieses Material und Lernangebot ist die Grundlage für einen emanzipatorischen Unterricht, der das selbstständige Lernen und Arbeiten der Kinder befördert. Die durchaus anspruchsvollen Aufgaben sind so angelegt, dass sie einerseits leistungsstarke Kinder herausfordern und andererseits Kindern mit Lernschwierigkeiten zum Erfolg verhelfen.

Aus der Elterninformation von Dr. Jürgen Reichen zu "Lara und ihre Freunde":

Wir möchten Ihnen mit diesem Abschnitt eine kurze Information in die Hand geben, damit Sie Ihre ErstklässlerInnen auf dem Weg in die Welt des Lesens und Schreibens begleiten können. Viele Eltern vergleichen den Unterricht ihres Kindes mit der eigenen Schulzeit. Da Ihr Kind mit der Methode "Lesen durch Schreiben" aber auf eine ganz andere Art an das Lesen herangeführt wird als im klassischen Fibelunterricht, möchten wir Ihnen einen Überblick darüber geben, wie ihr Kind im kommenden Schuljahr lernen wird:

Ihre Kinder wachsen in eine Welt hinein, in der die Anforderungen an das Lesenkönnen höher sind als früher. Einen einfachen Text laut vorzulesen genügt künftig nicht mehr. Lesen heißt, einen Text verstehen, und weil verstehen denken ist, könnte man auch definieren: Lesen heißt denken! Daher orientiert sich Lesen durch Schreiben ausdrücklich an einem erweiterten Lesebegriff, der neben dem Schreiben (und Lesen) regelmäßig auch „Denken“ verlangt. Den Kindern werden da in großem Maße auch scheinbar „lesefremde“ Aufgaben gestellt: Versteckte Gegenstände suchen, Bilder vergleichen, Zählen, mit Merkmalstabellen umgehen, mit Diagrammen arbeiten oder „Logicals“ lösen usw. Das alles hat durchaus mit Lesekompetenz zu tun. Denn Lesekompetenz als Verstehen verlangt in unserer komplexen Welt, dass jemand informationstüchtig ist, d.h. Informationen unterschiedlichster Art finden, ordnen und verwerten kann. Lesen durch Schreiben - und das irritiert Sie jetzt womöglich - orientiert sich an der ungewohnten Auffassung, Leseunterricht sei umso wirkungsvoller, je unspezifischer er sei, d.h.: je weniger er sich nur auf Leseaufgaben konzentriert und je mehr er anderes, das scheinbar gar nichts mit Lesen zu tun hat, aufgreift. Es wird daher keine Lesetechnik vermittelt, der Lehrgang hat andere Schwerpunkte: Anregungen zum Schreiben, Wortschatzerweiterung und Begriffsbildung, Wahrnehmungs- und Konzentrationsübungen, Denkerziehung, „Brücken zur Mathematik“ sowie Hinführen zu einer aufgaben-adäquaten Arbeitshaltung. Zudem wird versucht, eine hohe Lernmotivation zu begründen. Das eigentliche Ziel des Leseunterrichts ist nämlich nicht das Kind, das lesen kann, sondern das Kind, das lesen tut, weshalb der Lehrgang den Kindern einen vielfältigen, abwechslungsreichen Unterricht mit vielen Freiräumen für eigenes Tun bietet. Bei Lesen durch Schreiben sind im wesentlichen zwei Prinzipien leitend: 

Erstes Prinzip: Lesen durch Schreiben

Das bedeutet: Durch Schreiben lesen lernen. Ihr Kind lernt also im Unterricht zuerst nicht lesen, sondern schreiben, d.h., es lernt, wie die gesprochene Sprache aufgeschrieben wird. Das Lesenkönnen entwickelt sich dann als automatisches Begleitprodukt des Schreibens. Die Methode zeigt dem Kind, wie ein Wort in eine L-Au-T-K-E-TT-E zerlegt und danach Laut für Laut aufgeschrieben werden kann. Als zentrales Arbeitsmaterial bekommt jedes Kind eine Buchstabentabelle, von der es die zum Schreiben notwendigen Buchstaben abmalen kann. Es gibt also keine Lesefibel, wie es früher üblich war. Ihr Kind kann mit Hilfe dieser Tabelle alles schreiben, was es will, sodass der Wortschatz keinen Einschränkungen unterliegt. Die Buchstabentabelle macht auch Übungen zum Buchstabenlernen überflüssig. Schreibt das Kind nämlich immer wieder selbstgewählte Wörter und Texte, dann lernt es die Buchstaben mit der Zeit von selbst. Wichtig ist, dass das Kind die Laut-Zeichen-Zuordnung versteht, was natürlich bei einfachen Wörtern wie „Hase“ oder „Lama“ leichter gelingt als bei „Stiefmütterchen oder „Vergissmeinnicht“.

Zweites Prinzip: Selbstständiges Lernen

Im Unterschied zu früheren, veralteten Lesemethoden, bei denen die Lernschritte zwingend vorgegeben wurden, verläuft der Lernprozess bei Lesen durch Schreiben für jedes Kind individuell. Der Lehrgang folgt der pädagogischen Grundüberzeugung, dass die meisten Kinder aus sich heraus lernfähig und lernbereit sind und nicht von außen dazu angehalten werden müssen. Deshalb ist bei Lesen durch Schreiben der Selbstaktivität des Kindes ein Maximum an Spielraum gelassen, d.h.: Der Lehrgang orientiert sich zu einem großen Teil an der Idee des sogenannten Werkstattunterrichts. Hier wird nicht die ganze Klasse gemeinsam unterrichtet, sondern die Kinder lernen und arbeiten individuell, indem sie aus einem reichhaltigen Lernangebot auswählen können. 

Nachdem Sie nun diesen kurzen Abriss über die Methode Lesen durch Schreiben durchgelesen haben, werden Sie vielleicht fragen: gut und schön, aber was sollen wir als Eltern damit anfangen? Auf diese Frage möchten wir Ihnen einige Empfehlungen abgeben, die Ihnen die Lehrerin Ihres Kindes am Anfang des Schuljahres noch ausführlicher erläutern wird. Wir danken Ihnen schon jetzt für Ihre Mitarbeit; denn Sie werden selber merken, dass die folgenden Hinweise Ihrem Kind beim Lernen helfen werden. 

Lautieren, nicht buchstabieren

Wenn Sie Ihrem Kind einzelne Buchstaben oder Worte vorsprechen, sollten Sie nicht buchstabieren, sondern lautieren, d.h. "b" ist nicht "bee" sondern „b“, "sch" ist nicht "ess-ce-ha" sondern „sch“, "f "ist nicht "ef" sondern „ff“ usw - das Kind nicht zum Lesen drängen. Verlangen Sie von Ihrem Kind am Anfang auf keinen Fall (!!!) irgendwelche Leseleistungen. Es lernt in der Schule schreiben, nicht lesen. Deshalb kann es zwar bald einmal schreiben, aber noch keineswegs lesen. Ja, es kann nicht einmal das lesen, was es selbst geschrieben hat. Das mutet Sie wahrscheinlich eigentümlich an, aber es ist durchaus normal. Wenn Sie ihr Kind unterstützen wollen, dann regen Sie es zum Schreiben an, drängen Sie es aber nie zu Leseversuchen, das würde nur den Lernprozess stören und unnötig verlängern. Warten Sie, bis das Kind von sich aus liest - das Lesen kommt bestimmt. 

Kein lautes Vorlesen

Ein großer Fehler, der häufig gemacht wird, ist die Verwechslung von Lesen mit lautem Vorlesen. Wahrscheinlich möchten Sie nach einigen Wochen gerne wissen, was hat mein Kind nun eigentlich gelernt, und würden gerne hören, ob es schon lesen kann. Dass es schreiben kann, werden Sie ja oft sehen können. Hier nun müssen wir Sie dringend ersuchen, das Kind nicht zu drängen, Ihnen etwas laut vorzulesen. Lesen bedeutet verstehen. Ob jemand aber einen Text verstanden hat, merkt man nicht, wenn der Text laut vorgelesen wird. Auch wenn Sie z. B. nicht finnisch können, wären Sie doch im Stande, einen finnischen Text laut vorzulesen - auch wenn Sie gar nichts verstehen. Verstehen ist keine Bedingung für lautes Vorlesen - und deshalb ist lautes Vorlesen Gift für das eigentliche Lesen. (Wir können das hier nicht näher ausführen - glauben Sie uns oder fragen Sie die Klassenlehrerin.)

Angemessen korrigieren

Wenn Sie Wörter oder Sätze Ihres Kindes korrigieren, dann denken Sie daran: Die korrekte Rechtschreibung wird im 1. Schuljahr noch nicht verlangt. Zunächst müssen die Wörter lediglich lautrichtig sein, d.h. es dürfen keine Laute fehlen, keine Laute zuviel sein, keine Laute in falscher Reihenfolge auftreten. Besonders wichtig ist dabei, fehlende Selbstlaute - die man ja deutlich hören kann - konsequent zu verlangen. Wichtig ist zunächst, dass die Kinder Freude am Schreiben haben und behalten und dass ihnen diese Freude durch ständiges Korrigieren nicht genommen wird. Wenn Korrekturen zurückhaltend angebracht werden, ist in späteren Schuljahren ein besserer Erfolg in der Rechtschreibung zu erwarten. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen muss auch nicht befürchtet werden, dass sich die Erstklässler eine falsche Rechtschreibung angewöhnen, die sie später beibehalten. Vielmehr hat sich gezeigt, dass Kinder, die von Anfang an unbefangen mit Schrift umgehen, meistens zu recht guten Rechtschreibern werden. Zudem hat sich gezeigt, dass die Kinder auf diese Weise eine Freude am Schreiben entwickeln und dabei zu sehr erfreulichen Ergebnissen kommen. So haben zwei Kinder unserer Schule im Hamburger Schreibwettbewerb 2015 die beiden ersten Plätze belegt.

Nicht abschreiben

Das Kind soll keine Wörter oder Sätze abschreiben. Das Abschreiben täuscht das Schreiben nur vor und wird häufig von Kindern, die mit dem Schreiben Schwierigkeiten haben, als Ausweg benutzt, um trotz ihre Schwierigkeiten eine „Leistung“ vorzuweisen. Weil Abschreiben mechanisch geschehen kann, d.h. ohne Einsicht in die Beziehung zwischen Lauten und Zeichen, kann es die Lernentwicklung des Kindes empfindlich stören.

Nur helfen, wenn's denn gar nicht anders geht

Bisher hat sich gezeigt, dass Kinder, die nach Lesen durch Schreiben unterrichtet wurden, Ihre Lernfreude und ihr Interesse nahezu ungebrochen behalten und manchmal sogar durch ihren Eifer „lästig“ werden können. Für die Entwicklung Ihres Kindes sind Entdeckerfreude und Neugier aber von Vorteil; denn was man selber herausfindet, ist wertvoller für den Lernprozess als die bloße Nachahmung. Dabei können Sie Ihr Kind unterstützen: Lassen Sie es alles selber tun, und helfen Sie nur, wenn das Kind um Ihre Hilfe bittet.

Das Kind auf eigene Art lernen lassen

Da der ganze Lehrgang darauf setzt, dass das Kind individuell arbeitet, sollten Sie als Eltern das Kind auch zu Hause auf seine eigene Art lernen lassen. Das bedeutet z.B. keineswegs, dass Ihnen ein kleiner Faulpelz zu Hause herumsitzt, wenn er nicht so schnell arbeitet, wie Sie es vielleicht erwarten, oder keine Extraaufgaben macht, wie Sie es möglicherweise gerne hätten. Sie kennen Ihr Kind und können abschätzen, ob es mit Interesse arbeitet oder nicht, und wenn das Interesse da ist, ist alles in Ordnung.

Zum Schluss

möchten wir Sie um etwas bitten, was so mit dem Lehrgang nichts zu tun hat, jedoch mit dem Wohlergehen Ihres Kindes. Sollten Sie Zweifel, Bedenken, Fragen oder Unsicherheiten wegen des Lernens Ihres Kindes haben, so lassen Sie dies Ihr Kind nicht spüren, sondern gelangen Sie an die Lehrerin. Sie ersparen Ihrem Kind dadurch einen Konflikt, dem es wahrscheinlich noch nicht gewachsen ist und der es unnötig belastet. Wir hoffen, dass Ihrem Kind mit Lesen durch Schreiben die Schule zur Freude wird, und danken Ihnen für Ihr Vertrauen und Ihr Verständnis für eine Methode, die das Kind als wichtigste Person im schulischen Alltag respektiert und von der Idee getragen ist, dass ein selbstständiger, sein Handeln und Denken selbst verantwortender Mensch für unsere Welt eine Hilfe ist.